Verwaiste Eltern

Trauer verwaister Eltern

Wenn ein Kind vor den Eltern stirbt, überschattet tiefe Trauer den Alltag der Hinterbliebenen. Nicht nur die verwaisten Eltern trauern, sondern auch hinterbliebene Geschwister müssen mit dem Verlustschmerz umgehen. In dieser schweren Zeit möchten Freunde und Familienangehörige Beistand leisten, wissen aber oft nicht wie. In jedem Fall ist es wichtig, die Betroffenen mit ihrer Trauer nicht allein zu lassen.

 

Verwaiste Eltern sind nicht allein

Jeden Tag sterben Kinder und Jugendliche in Deutschland. Laut statistischem Bundesamt werden die meisten Todesfälle bei den unter 18-Jährigen durch Verletzungen, etwa durch einen Verkehrsunfall, verursacht. Doch auch Selbstverletzungen und Gewaltverbrechen sowie schwere Krankheiten sind Todesursachen bei Kindern und Jugendlichen. Jährlich, so die deutsche Kinderkrebsstiftung, erkranken etwa 1.800 junge Patienten neu an Krebs. Dass sich die Heilungschancen für die Kinder, die bis zum 15. Lebensjahr erstmals an Krebs erkranken, in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert haben, ist für Eltern, die ein Kind durch Krebs verloren haben, nur ein schwacher Trost.

Manche Kinder erreichen das Jugendalter nicht. Sie sterben bereits kurz nach, während oder vor der Geburt. Anstelle von „Tot-“ und „Fehlgeburt“ hat sich für diese zu früh verstorbenen Menschen der Begriff der „Sternenkinder“ durchgesetzt. Doch egal in welchem Alter das Kind zum Zeitpunkt seines Todes war, für die verwaisten Eltern und andere Hinterbliebene ist der Verlust stets ein schwerer Schicksalsschlag.

 

Wenn Trauer zum Trauma wird

Neben der Trauer über das vorzeitige Ableben treten in vielen Fällen auch Schuldgefühle. Insbesondere Eltern, die sich mit dem Suizid ihres Kindes konfrontiert sehen, suchen nach Antworten auf die Fragen: Hätte ich es verhindern können? Gab es Anzeichen für einen bevorstehenden Selbstmord? Habe ich in der Erziehung Fehler gemacht? usw.

Diese selbstzerstörerische Gedankenspirale führt die Trauernden jedoch nicht aus dem Schmerz heraus, sondern nur tiefer hinein. Das den Eltern innewohnende Verantwortungsbewusstsein richtet sich nach einem Selbstmord oder auch nach dem Tod durch schwere Krankheit häufig gegen die Mutter oder den Vater selbst. Sie möchten den Verlust am liebsten ungeschehen machen, fühlen die Ohnmacht der Trauer und suchen daher nach dem Tod weiter nach Handlungsalternativen. Da sie die Zeit nicht zurückdrehen können, verwandeln sich die Fragen in Schuldzuweisungen, die sich gegen die eigene Person richten. Erst durch Akzeptanz des Verlustes wird der Weg frei für ein selbstbestimmtes Weiterleben.

Der empfundene Verlustschmerz kann so groß werden, dass er zum Schock führt und unbehandelt zum Trauma wird. Die Psyche kann das Ereignis nicht verarbeiten und geht als Schutzmechanismus in den Schockzustand über.

Bei manchen Hinterbliebenen kommt in der Folge der Alltag vollständig zum Erliegen. Die Betroffenen sind nicht mehr im Stande einfache Tätigkeiten wie Anziehen, Kaffeekochen oder Einkaufen zu erledigen. Andere wiederum zwingen sich weiterhin zu funktionieren. Auf Freunde und Familie wirken sie geradezu kaltherzig. Doch der Schock lähmt in jedem Fall. Er blendet den Trauerschmerz aus und verhindert so die Verarbeitung des Geschehenen.

Meist hilft es bereits, das Unbegreifliche in Worte zu fassen.

 

Hilfe für Trauernde: Trauerbegleitung, Selbsthilfegruppen und therapeutische Unterstützung

Das direkte Umfeld der Trauernden kann ein offenes Ohr anbieten. Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister können im eng-vertrauten Kreis ihrer Trauer Raum geben. Haben die Geschwister nur die Eltern als Ansprechpartner, ist die Gefahr groß, dass die verwaisten Eltern mit der eigenen Trauer überfordert sind und nicht ausreichend Halt bieten können. Der Verlust des Kindes kann auch die Partnerschaft der Eltern auf die Probe stellen. Wenn die Partner unterschiedliche Bedürfnisse haben oder Erwartungen aneinanderstellen, belastet das die Beziehung der Eltern nach dem Tod des Kindes zusätzlich.

In solchen Fällen, aber auch wenn die Trauer über Monate anhält, sollten Betroffene professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Manchen Trauernden fällt es zudem leichter, mit einem unbeteiligten Dritten über den Verlustschmerz zu sprechen. Im wertfreien Setting beim Psychotherapeuten erlauben sich die Betroffenen, der persönlichen Trauer Raum zu geben. Sie müssen nicht befürchten ihr Gegenüber mit dem Anliegen zu belasten.

Neben der Verarbeitung des Erlebten in der Psychotherapie gibt es weitere Anlaufstellen für verwaiste Eltern und trauernde Geschwister. Das jeweilige Hospiz, aber auch Bestattungsunternehmen bieten Trauerbegleitung an. Darüber hinaus werden Betroffene in der Kirchengemeinde und in Trauergruppen aufgefangen.

Vor Ort und online sind zahlreiche Selbsthilfegruppen erreichbar. Der Bundesverband für Verwaiste Eltern und Trauernde Geschwister in Deutschland e. V. (VEID) ist eine der vielen Adressen, an die sich Trauernde nach dem Tod des Kindes wenden können.

Ähnliche gemeinnützige Organisationen finden sich in zahlreichen Städten von München bis Hamburg. Die auf verwaiste Eltern spezialisierten Vereine bieten Gesprächsrunden und Online-Foren sowie Aktionen zum Gedenken an. Verschiedene Methoden zur Trauerverarbeitung können im geschützten Rahmen ausprobiert werden, darunter Traueryoga, Gedenkteppich gestalten und mehr.

Der Austausch mit anderen Betroffenen spendet Trost und ebnet den Weg in ein Leben nach dem Tod des Kindes. Die Trauer über den Verlust wird dabei nie ganz verschwinden. Betroffene können jedoch den Umgang mit der Trauer lernen. Denn obwohl Trauer keine Krankheit ist, kann sie krank machen, wenn sie weder Raum noch Ausdruck findet, und die Belastung dadurch anhält.

 

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Trauerhilfe Live-Chat

Kai Sender
Sozialarbeiter
Bremen